20 Minutes With:
Ju Schnee

Die Illustratorin über NFTs, Berlin Geheim-Tipps und Selbstdarstellung

Die multimediale Künstlerin und Illustratorin Ju Schnee vereint das Analoge mit dem Digitalen, das Reale mit dem Fiktiven und das Kleinteilige mit großen Flächen. Ihre Arbeiten sind wie eine Tüte Gemischtes – überraschend, bunt und aufregend. Jus erste Regel: Ihre Kunst soll Spaß machen. Dabei erschafft sie alles von Acryl-Gemälden über Street Art Murals bis hin zu Augmented Reality Animationen. Diese Vielseitigkeit trifft auf den unverkennbaren Stil ihrer "Shapes" und kreiert so ein riesiges Portfolio an Projekten. Ju Schnee hat schon für einige der größten Player des Lifestyle- und Mode-Marktes gearbeitet, will sich nun aber lieber auf Herzensprojekte konzentrieren – ob eigene Gemälde oder Aufträge, bei denen sie ihre eigenen Ideen einbringen kann. Wir haben mit Ju über "Ich hab's geschafft"-Momente, NFTs und Traumprojekte geredet.

"Mit der Zeit habe ich begriffen, dass jedes Projekt, in dem ich ICH sein kann und mich künstlerisch entfalten darf, mehr wert ist als jeder große Name."

Nele Tüch: Deine Arbeit ist multimedial, du gestaltest alles von großen Marken-Kooperation, Celebrity-Projekten, Hotel-Gestaltungen, Musikalben über Illustrationen für Magazine und Tageszeitungen bis hin zu Murals, trippigen Toiletten und deiner eigenen Kunst. Welche Art von Projekten liegt dir am meisten?
Ju Schnee: Ich liebe Projekte, bei denen ich interdisziplinär arbeiten kann. Am liebsten verbinde ich die digitale Welt mit der analogen und kreiere einen Media-Mix. Zurzeit fühle ich mich auf der Leinwand wieder am wohlsten. Meine Ölmalereien verknüpfe ich ebenfalls mit der digitalen Welt, indem ich Augmented Reality verwende. Das Malen wirkt für mich meditativ und beruhigend. Der digitale Part ist meine experimentelle Spielwiese.


NT: Hast du eigentlich gleich nach deinem Studium und Praktika als Freiberuflerin angefangen?
Ju Schnee: Ja, ich habe mich während meines Master-Studiums in Österreich selbständig gemacht. Nach dem Abschluss bin ich nach Berlin gegangen und habe dann nochmal von vorne begonnen – neue Kund*innen, neues Netzwerk, neue Projekte. Aber grundsätzlich kenne ich die Arbeitswelt nur so. Ich war bisher (außer in meinen Praktika) noch nie fest angestellt.


NT: Du arbeitest mit sehr großen Namen zusammen, hattest du jemals so einen richtigen “Ich hab’s geschafft”-AHA-Moment?
Ju Schnee: Lustigerweise geben mir diese großen Namen nicht mehr so viel. Als ich das erste Mal einen Anruf von Nike bekommen habe, war ich natürlich total aus dem Häuschen. Das war schon ein gutes Gefühl. Aber mit der Zeit habe ich begriffen, dass jedes Projekt, in dem ich ICH sein kann und mich künstlerisch entfalten darf, mehr wert ist als jeder große Name. Der größte AHA-Moment in den letzten Monaten war der, als ich einen Anruf eines Galeristen bekommen habe mit der Frage, ob ich mir eine Solo-Ausstellung in seiner Galerie vorstellen könnte und ob ich mir ihn als Sparing-Partner vorstellen könnte. Dieses Gefühl der Anerkennung meiner Kunst hat sich so gut angefühlt.

Photo by EYECANDY

NT: Du sagst von dir selbst, dass du Geschichten durch abstrakte Elemente erzählen willst. Wie geht abstraktes Story-Telling?
Ju Schnee: Meine Leinwand – bzw. mein physikalisches Werk – ist immer eine Momentaufnahme. Ein Moment, den ich über wochenlange Arbeit kreiert habe und mit dem ich mich intensiv beschäftigt habe. Im Gegenzug dazu stehen meine digitalen Werke, die schnelllebig und dynamisch sind. Für mich ist das physikalische Werk daher immer der eine Moment, in dem man kurz mal Pause macht und durchatmet. Gleichzeitig aber erfährt man von meinen Werken immer mehr, wenn man sie mit Augmented Reality benutzt und so die ganze Story sichtbar wird.

Für mich ist es ein Spiel aus erzählen, erfahren, spüren, innehalten.


NT: Wenn du dir dein Traum-Projekt wild zusammenspinnen könntest – wie würde es aussehen?
Ju Schnee: Mein Traum ist es, eine riesengroße Ju Schnee Skulptur im öffentlichen Raum gestalten zu können. Das hatte ich bereits digital im virtuellen Raum gemacht, aber eine echte Skulptur in der physikalischen Welt gibt es leider noch nicht.

NT: Gewagte These: Wenn es Social Media nicht geben würde, wärst du wahrscheinlich nicht ganz so erfolgreich, wie du es jetzt bist. Wie wichtig ist heutzutage die Selbstdarstellung und -vermarktung einer Künstlerin oder eines Künstlers im Internet?
In meinen Augen ist sie sehr wichtig. Instagram dient mir als meine eigene digitale Galerie. Es ist meine Bühne, auf der ich meine Kunst zeigen kann. Ich bin weder von einer Galerie vertreten, noch habe ich klassische Kunst-Netzwerke, in denen sich meine Kunst herumspricht. Ich wurde weder in die Kunst-Welt hineingeboren, noch lebe ich in dem klassischen White Cube Umfeld. Daher ist Instagram für mich eine gute Plattform, auf der ich meine Kunst zeigen kann und meine Gedanken mit den Menschen teilen kann.

Trotzdem aber wirken meine Bilder im Atelier natürlich ganz anders, als auf dem digitalen Screen. Deshalb ist es für mich nur das erste Aushängeschild, das zu mehr einlädt.


NT: Du kreierst auch NFTs – der neueste Hype des digitalen Kunstmarktes. Wie funktionieren NFTs und siehst du darin eine Zukunft?
Ju Schnee: NFTs sind Non-Fungible-Tokens und daher kurz gesagt Cryptokunst. Es sind digitale Werke (Videos, Bilder, 3D Modelle), die mit Crypto Währung gekauft werden können.

Für mich ist es eine Möglichkeit, meine digitalen Werke zu verkaufen. Die digitale Kunst habe ich bisher immer an physikalische Werke geknüpft, damit sie einerseits ausgestellt und andererseits verkauft werden können. Nun kann ich sowohl das physikalische, als auch das digitale Werk ausstellen und auch zusätzlich zum physikalischen noch verkaufen.

NT: Du bist selbstständige Künstlerin und somit an der Schnittstelle zweier Berufsentwürfe, die von der Corona-Politik wenig mitgedacht werden. Wie schätzt du diese Auswirkungen auf unsere Kunst-, Kultur- und Kreativbranche ein?
Ju Schnee: Zum Glück hat mich die Krise nicht so sehr getroffen, da ich immer auf meine digitalen Medien ausweichen konnte und nicht alleinig von haptischen Werken lebe. Somit konnte ich meinen Fokus auf das richten, was auch während der Pandemie gebraucht wird. Zusätzlich war der kleine Einbruch bei mir aber auch eine gute Möglichkeit, mich mehr auf meine Kunst zu konzentrieren und den Ausfall ein paar weniger Jobs dafür zu nutzen, neue Werke zu erstellen.

Natürlich aber fehlt auch mir der künstlerische Austausch und Input in Galerien, Museen, auf Events und Konzerten.


NT: Hast du ein oder zwei Berlin-Geheim-Tipps für uns, die gerade so geheim sind, dass wir noch nicht von ihnen gehört haben, aber nicht so geheim, dass du sie uns nicht verraten würdest?
Ju Schnee: Ich weiß nicht genau wie geheim oder allbekannt dieser Laden schon ist, aber als ich am Samstag beim Wochenmarkt am Boxhagener Platz war, habe ich einen neuen Laden entdeckt. Erst dachte ich es wäre eine kleine Galerie, aber dann habe ich gesehen, dass dort Brot verkauft wird. Die Art und Weise, wie das Brot dort allerdings ausgestellt wird hat mich sehr an eine Kunstgalerie erinnert. Puristisch, minimalistisch und vor allem: köstlich. Der wunderbare Brot-Kunst-Laden heißt KEIT.


NT: Was bedeutet Freiraum für dich und wo kannst du ihn finden?
Ju Schnee: Meinen Freiraum finde ich in der Natur. Gerade in der Pandemie ist mir bewusst geworden, wie wichtig mir die Natur ist und wie viel Energie und Kraft sie spenden kann. Ich fahre minderstens einmal die Woche in den Wald und genieße die absolute Stille. Das ist mein Kraftort, zu dem ich immer zurück kommen kann, wenn ich mal Inspiration oder eine Pause brauche.