20 Minutes with Fabienne Meyer

Über Kunst, freischaffendes Arbeiten und alltäglichen Ausgleich

"When life gives you lemons..," mach Bilder aus ihnen. Fabienne Meyer ist die Gründerin der Berliner Kreativagentur ROOO Studio und Künstlerin. In ihrem Hauptjob erschafft sie Konzepte und erzählt Geschichten. In ihrer freien Zeit widmet sie sich der Kunst und ungewöhnlichen Zusammenstellungen. So wird die Zitrone zum bunt-abstrakten Basketball und überdimensionierte Streichhölzer ersetzen Schnittblumen. Ihre Bilder sind bunt, sie sind laut und sie versprühen gute Laune. Kein Wunder also, dass Fabiennes Werke besonders in der Welt von perfekt inszenierten Couchtischen und Home-Stories, auf Instagram, so gut ankommt. Hier geht es nicht um den perfekten Duktus, sondern darum ein Gefühl, eine Atmosphäre zu vermitteln. Und ist nicht das Schönste an der Kunst, dass sie uns in eine Stimmung und an andere Orte versetzen kann? Fabiennes Werke sind das, was man sehen will, wenn man morgens mit einer Tasse Tee in den Tag startet – sie sind Stimmungsaufheller.

Wir haben mit der Künstlerin über elitäre Kunst-Märkte, Lockdown-Routinen und Selbstständigkeit gesprochen.

Nele Tüch: Mit 19 Jahren hast du zusammen mit deinen Eltern einen Verlag gegründet. Durch deine Illustrationen hast du dann dein eigenes Kinderbuch auf den Markt gebracht, für das du selbst PR gemacht hast. Außerdem hast du PR und Publizistik studiert. Es klingt ein bisschen, als hätte sich dein professioneller Werdegang ergeben…
Fabienne Meyer:
Wenn man das so liest, dann wirkt das tatsächlich so. In Wahrheit hatte ich aber nach dem Abitur erst einmal keine Ahnung, wo ich beruflich wirklich landen würde. Ich hatte immer viele verschiedene Interessen und habe mich vor allem kreativ ausgelebt. Publizistik schien dann irgendwann die richtige Wahl zu sein, da man nach dem Studium viele verschiedene Wege einschlagen kann.

Der Verlag kam dann durch einen Anstoß meiner Eltern zustande — die ersten Jahre habe ich als Verlagschefin aktiv anwenden können, was ich im Studium gelernt habe. Das war ein ziemliches Privileg. Mit dem Umzug nach Berlin fing dann auch das Malen wieder an und so ergab sich irgendwann das Projekt Kinderbuch.

„Der Tapeten Tapir“ war und ist immer noch ein toller kreativer Spielplatz, von dem es irgendwann eine Fortsetzung geben wird.

 

NT: Du hast deine eigene Kreativ- und Kommunikationsagentur, gleichzeitig bist du als Künstlerin tätig. Wie gewichtest du beide Tätigkeiten?
Fabienne Meyer:
Glücklicherweise ist mir die Balance zu halten bislang nicht schwer gefallen. Gerade in einer Zeit, in der außer Spaziergang-Dates nicht viele Aktivitäten möglich sind, habe ich den späten Nachmittag, den Abend und das Wochenende zum Malen nutzen können. Außerdem ist die Agentur mein Baby und etwas indem ich mich fast genauso kreativ ausleben kann wie beim Malen. Rückblickend hätte ich es mir also eigentlich nicht besser wünschen können. Das Malen ist außerdem ein wichtiger Ausgleich und hat mir geholfen den ein oder anderen Corona-Blues zu überstehen.


NT: Seit Kurzem bist du als Künstlerin bei der Onlinegallerie Kunst100 vertreten. Was bedeutet es für dich, deine Werke auch außerhalb von Social Media und deiner Person funktionieren zu sehen?

Fabienne Meyer: Ich habe mich recht lange schwer damit getan mich selbst Künstlerin zu nennen. Das liegt zum einen definitiv an der doch noch recht elitären Kunstszene, aber auch daran, dass ich es eben nicht studiert oder gelernt habe und die Auffassung hatte, dass das zwangsläufig dazugehört. Nachrichten von Menschen zu erhalten, die in meine Kunst investieren und die sich darauf freuen eines meiner Werke aufzuhängen ist ein wunderbares Gefühl.

"Ich finde es ist viel wichtiger erst einmal ein Gefühl für Farben und Formen zu bekommen und herauszufinden was einem Spaß macht. Richtig oder Falsch gibt es da meiner Meinung nach sowieso nicht."

NT: Der Kunstmarkt wird immer wieder als schwer zugänglich beschrieben. Auf der einen Seite, weil Leinwand, Farbe und Co. im Einkauf teuer sind und sich somit nicht jede Person leisten kann, Kunst zu schaffen. Was würdest du angehenden Künstler*innen raten?
Fabienne Meyer: Diese Frage wurde mir in den letzten Monaten tatsächlich öfter gestellt, da während der Pandemie immer mehr Bekannte mit dem Malen begonnen haben. Viele decken sich dann erstmal mit teuren Ölfarben und fancy Leinwänden ein. Es gibt da natürlich Unterschiede in der Qualität der Farben und Utensilien, aber für eine Grundausstattung sollte man zu Beginn nicht zu viel Geld ausgeben. Eine einfache und günstige Art mit dem Malen zu beginnen sind Büttenpapier-Blöcke, fünf Grundfarben (Acryl oder Öl) und ein einfaches Pinselset. Ich finde es ist viel wichtiger erst einmal ein Gefühl für Farben und Formen zu bekommen und herauszufinden was einem Spaß macht. Richtig oder Falsch gibt es da meiner Meinung nach sowieso nicht. Da können Collagen aus Klebstoff und Papierresten genauso eindrucksvoll sein wie Ölgemälde.


NT: Auf der anderen Seite entsteht dieses Phänomen, weil Kunstkenner oft als elitär wahrgenommen werden und fertige Kunstwerke von renommierten Künstler*innen wenig erschwinglich erscheinen. Dabei gibt es eine ganze Szene (wie Kunst100), die Kunst zu günstigen Preisen anbietet. Wie wichtig ist es hier Hemmschwellen abzubauen?
Fabienne Meyer:
Meine Kunst wurde überwiegend über Instagram „bekannt“ — hier gibt es natürlich eine riesige Kunst-Community. Ich selbst folge dutzenden Künstler*innen und habe hierüber schon mit vielen Kontakt aufgenommen, um Gedanken über Inspiration, Galerien und Preise auszutauschen. Dort habe ich sehr viel positiven Support erhalten, allerdings gibt es natürlich schon auch eine eher etwas elitäre Bubble, da muss man sich nichts vormachen. Wie Instagram das so an sich hat, wird schnell verglichen wer schon wo ausgestellt und welchen Background hat.

Plattformen wie Kunst100 sind natürlich ein toller Zugang für Menschen, die sich ansonsten z.B. nicht in eine Galerie trauen oder bislang noch keine Berührungspunkte mit bezahlbarer Kunst hatten. Ob man diese Hemmschwellen langfristig so richtig abbauen kann weiß ich nicht - das kann ja auch das spannende an Kunst sein, dass es irgendwie etwas mystisches und nicht greifbares hat. Ich würde auf jeden Fall immer eher in Kunst investieren, die mir wirklich gefällt und die etwas in mir auslöst, als in ein Werk, das nur eine Anlage zu sein scheint.

 

NT: Dein absolutes Lieblingslied um kreativ zu sein?
Fabienne Meyer:
Gar nicht so einfach, da ich eine ganze Playlist habe, die mich immer wieder in die richtige Mood bringt. Wenn ich mich für eines entscheiden müsste wäre das wahrscheinlich Bowie - Modern Love. Oder etwas von den Beach Boys.

NT: Wie hat sich deine tägliche Routine seit der Lockdowns verändert?
Fabienne Meyer:
Fast parallel zum ersten Lockdown habe ich meine Agentur gegründet, daher hat sich eine ganze Menge für mich verändert. Ich starte recht früh in meinen Tag und arbeite meist erst einmal einen Großteil der Mails und Calls ab.  

Als Selbstständige habe ich aber die Freiheit Pausen individuell und tagesabhängig zu gestalten. Eine Mischung aus gesunder Routine und Abwechslung.

Nachmittags und Abends wird dann meistens für mindestens 1-2 Stunden gemalt, am Wochenende können das schon mal bis zu sieben Stunden am Stück sein. Natürlich freue ich mich schon sehr darauf wieder mehr Freunde zu treffen und mich frei bewegen zu können. Allerdings habe ich es geschafft mir auch in dieser Zeit genügend Freiheiten zu schaffen und relativ ausgeglichen zu leben.  

 

NT: Was bedeutete ‘Freiraum’ für dich und wo findest du ihn?
Fabienne Meyer:
Wo wir beim Thema wären! Mein Freund und ich wohnen und arbeiten seit nun über einem Jahr in unserer Wohnung und haben nur eine dünne Flügeltür, die uns tagsüber trennt. Klingt nicht unbedingt nach Freiraum, den haben wir uns aber geschaffen und respektiert.

Selbstständig sein zu können ist für mich der wichtigste Freiraum und ich bin jeden Tag glücklich darüber. Selbstdisziplin ist natürlich die Voraussetzung und das kann auch mal nerven, aber ich möchte es nicht mehr missen. Am wichtigsten ist dabei sicherlich, dass ich meiner Kreativität endlich die Zeit geben kann, die ich immer gesucht habe und dass ich mich trotzdem in meinem Beruf voll entfalte und entwickle.

"Selbstständig sein zu können ist für mich der wichtigste Freiraum und ich bin jeden Tag glücklich darüber."